*14* Adventskalender der Bamberger Schulbiene 2020

„Wildbienen entdecken & [und] schützen“ ist Buchtitel, Kapiteleinteilung und offenbar seit rund 15 Jahren das „Lebensmotto“ des Agraringenieurs und -ökologen sowie bekennenden „Wildbienenverrückten“, Dr. Nicolas J. Vereecken, mit Professur an der FU Brüssel mit weltweiter, besonders jedoch europäischer Forschungsumtriebigkeit.

Zwar stammen nicht alle der wunderbaren Fotos von Wildbienen aus der eigenen Kamera, doch dürfte sein Archiv immens sein. Denn Vereecken ist (neben rund 250 weiterer Publikationen nicht nur zur Wildbiene) Mitverfasser des 2020 erschienenen ersten Bandes von „Bees of Europe – Hymenoptera of Europe“, welches auf fünf bis sechs Werke angelegt ist und einen Meilenstein auf dem Sektor der Wildbienenliteratur darstellt.

Doch so tief müssen wir gar nicht einsteigen. Wir sind auch mit dem 191 Seiten starken Taschenbuch gut bedient, um uns auf Spurensuche der überwiegend solitär, aber auch gesellig lebenden Wildbienen zu machen. Wo und wie leben sie? Wie geht es Ihnen? Mag das Buch im Schwerpunkt auf Wildbienen abzielen, so wird im Kapitel „Räuber, Parasiten und Krankheitserreger“ auch auf die Honigbiene eingegangen. Ansonsten spielt sie eher keine Rolle und wird vom Autor auch eher als Konkurrenz eingestuft. Doch dazu später mehr.

Aufräumen mit Falschinformationen

Wie der Untertitel bereits ankündigt, teilt sich das Buch in die Kapitel „Wildbienen entdecken“ und „Wildbienen schützen“ auf, dazwischen gleichermaßen umfänglich erfahren wir außerdem viel zu den „Lebensgewohnheiten der Wildbienen“.

Der Schwerpunkt meiner Rezension liegt auf dem dritten Teil, also dem Schutz der Wildbienen. Hier gefällt mir, dass der Verfasser den Einstieg findet über das weltweit verbreitete angebliche Zitat Albert Einsteins, wir Menschen würden nur noch vier Jahre Leben, wenn die Bienen aussterben.Gesagt hat er es in dieser Form sicher nicht. Der Autor erläutert eingehend und sehr interessant, wie es zu diesem Irrtum kam. Auch wir sind es nicht müde, darauf hinzuweisen, dass nur die heute mit dem Falschzitat verbundene Kernbotschaft als richtig anzusehen ist, nämlich, sich um eine bessere Ökologie zu bemühen. Ohne Bestäubung wird es viele Pflanzen nicht mehr geben, die Welt wäre eine andere. Apropos Bestäubung …

Vereecken räumt auch auf mit der Mär, die Handbestäubung der Obstbäume in Nanxin in der Provinz Sichuan wäre notwendig, weil es dort keine Bienen oder Insekten mehr gäbe. Was beileibe nicht stimmt, wie der Autor bei seinem eigenen Besuch, zusammen mit seinem Mentor, Amots Dafni, feststellen konnte. Wer den Film „More than Honey“ kennt, reibt sich jetzt verwundert die Augen. Derweil hatten wir selbst auch immer wieder auf das Begleitbuch des Films hingewiesen, in welchem ebenfalls von einem anderen Aspekt, nämlich der Effizienz der Handbestäubung in Hochgebirgslage zu lesen war. Klar, der Film sollte schließlich aufrütteln, da nahm man mit, was man gut abbilden und begründen konnte. Die in den 60er Jahren von der Regierung aufgrund einer Hungersnot angezettelte Insekten- und Sperlingsvernichtungsaktion gab es aber tatsächlich.
55 Hummelarten sind übrigens in dieser Region kartographiert worden. Zum Vergleich: In Europa existieren derzeit 68 Arten.

Kritischer Autor

Wildbienenrückgang – ist das so?

Kritisch hinterfragt der Autor auch die Lesart vom „weltweiten“ Rückgang der Wildbienenarten und beschreibt uns ein differenziertes Bild von den teils mangelhaften oder ungenügenden, teils grundsätzlichen Herangehensweisen in der Forschung. Klar ist lediglich, dass „rund jede 10. Wildbienenart in Europa vom Aussterben bedroht ist, vor allem wegen menschengemachter Probleme (intensive Landwirtschaft, Umweltverschmutzung unterschiedlicher Art, zunehmende Verdichtung, Flächenversiegelung) im Zusammenspiel mit dem Klimawandel.“ Doch vielerorts fehlen belastbare Untersuchungen.

Wildbienenhotels – notwendig?

Während die Schweizerische Gruppe „Wildbee.ch“ Wildbienenhotels – die gut gemachten, versteht sich! – erst propagierte, dann nur noch eingeschränkt als pädagogisches Mittel empfahl, zum Schluss noch nicht einmal dieses mehr unterschreiben wollte – seit dem 30.11.2020 ist der Verein nunmehr aufgelöst –, und was auch die in Deutschland bekannten Vertreter wie Dr. Paul Westrich, Dr. Christian Schmid-Egger, Volker Voggenberg, David Werner immer wieder anprangern, nämlich die vielen, völlig unnützen, da falsch präparierten Behausungen, treibt auch Vereecken um.

Jedoch geht er sofort am Kapitelanfang ohne „Murren und Knurren“ auf den Hunger der Lesenden nach eigenem hilfreichem Tun ein und gibt knapp, doch präzise diverse Anleitungen zum Bau von Wildbienenhotels und Hummelunterkünften. Dabei versäumt es der Verfasser nicht, darauf hinzuweisen, dass nur weniger als 10% der in Deutschland vorkommenden Wildbienenarten derlei Behausungen tatsächlich besiedeln. Und es sind dies nicht die gefährdeten.

Ergänzt wird das Kapitel mit Hinweisen zu geeigneten Pflanzenarten, die – das wird an verschiedenen Stellen betont – natürlich in der unmittelbaren Umgebung der Wildbienenunterkünfte zur Verfügung stehen müssen. Schließlich haben Wildbienen nicht den selben großen Flugradius wie Honigbienen!

Etwas unglücklich

Nein, der Autor spart nicht mit „Enttarnungen und Ermahnungen“, doch dies sehr fachkundig und nachvollziehbar begründet. Ich hätte mir allerdings mehr Quellenangaben zu Forschungsergebnissen gewünscht. Nun ja, immerhin finden sich im Anhang auf zwei Seiten weiterführende Literatur sowie Adressen, die französisch-belgischen Angaben (bis 2017 zum Erscheinen des Originals) angereichert mit wenigen deutschen und schweizerischen Pendants bis 2019, wobei erstaunlicherweise das „Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas“ (Scheuchl / Willner 2016) fehlt.

Ewas unglücklich bin ich über das Kapitel „Rettung durch Bienenstöcke – eine gute Idee?“ Denn neben den sicher nicht zu Unrecht aufgeführten möglichen Bedrohungen der Wildbiene durch von Apis mellifera verursachenden Faktoren wie Nahrungskonkurrenz, Krankheitsübertragungen und Pflanzenvermehrungseinfluss reitet der Autor darauf herum, dass die Honigbiene eben nicht „unerlässlich für die pflanzliche Artenvielfalt oder deren Erhaltung“ wäre.

Natürlich ist sie das nur zu einem kleineren Teil, ich würde nichts anderes behaupten wollen. Denn ihr Hauptauftrag ist definitv in ihrer Kulturleistung zu sehen, die sie durch ihre Blütenstetigkeit und ihre Populationsmenge uns Menschen in Form von Obst, Gemüse, Beeren und Honig verschafft. Doch wir sind uns mit dem Wildbienen-Fürsprecher einig: Wir alle, auch und gerade wir Imker/innen, müssen und wollen auf ein Gleichgewicht achten, selbstverständlich!

Braucht man noch ein Wildbienenbuch aus dem Ausland?

Eindeutig „Ja“. Gleichwohl das französische Original in der Übersetzung von Dorotee Calvillo und Gabriele Franc̮ois auf deutschsprachige Leser angepasst wurde, ist der Blickwinkel doch ein erfrischend anderer als der gewohnte aus den deutschen Verlagsprogrammen. Die hiesige, nicht allzu üppige Literaturlage mit wirklich GUTEN Wildbienenbüchern wurde durch ein auf wissenschaftlicher Forschungserfahrung gestütztes, dabei sehr eingängig geschriebenes Werk sinnvoll ergänzt. Bei weit mehr als 600 Wildbienenarten überlappen sich zudem die Einzelbeschreibungen nicht zu sehr und ich entdecke immer wieder neue, mir noch unbekannte Aspekte und interessante Details.

Zugegeben: Würde die Honigbiene darin ein klein wenig besser wegkommen, läge uns die Verbreitung des Buches sicherlich NOCH mehr am Herzen.  Da Reinhold und ich Imker/innen mit einem umfassenden Bildungsauftrag sind, der das Beste für die (Bamberger) Bienen- und Kulturökologie erreichen möchte und den kritischen Diskurs sehr schätzen, wird Vereeckens Wildbienenbuch einen guten Platz in unserer Imker-Bibliothek finden und auch empfohlen werden.

Braucht man noch Honigbienen?

Von einem Teilnehmer unseres Online-Vortrags zu Wildbienen wurde uns gesagt, wir wären die ihm bislang einzigen bekannten Imker, die in Sachen „Wildbienen“ Gnade vor seinen (Wildbienenfan-)Augen gefunden hätten. Ist hier etwa ein Grabenkrieg im Gange?! Wildbiene versus Honigbiene, endend in einem „Entweder – Oder?“

Wir sind der Ansicht, dass man eine Art nicht gegen eine andere Art ausspielen sollte, sondern das Beste für beide suchen. Und dafür ist uns jede Information recht, sofern nicht auf Mutmaßungen beruhend, sondern auf belastbaren Forschungsdaten. Genau darum geht es im Wesentlichen auch bei Nicolas Vereecken. Nur die Fragestellung ist ein wenig unterschiedlich.

Fazit: Ein bild- und kenntnisreich aufgemachter Band aus französisch-belgischem Hause, der als sinnvolle Erweiterung der originär in Deutschland verfassten Wildbienen-Literatur angesehen werden kann. Auf dem Gabentisch von Natur- und Wildbienenfreund(inn)en macht er sich gut, Imker/innen jedoch sollten gegenüber den kritischen Anmerkungen zur Honigbiene aufgeschlossen, zumindest aber nicht völlig verunsichert sein. Gute Argumente für den Kauf des Buches sind neben den interessanten Inhalten auch eine abwechslungsreiche Gestaltung von (zwar zu kleinem Font, dafür mit reichlich Zeilendurchschuss versehenen) Textfluss und zahlreichen schönen Fotos.


Wildbienen entdecken & [und] schützen / Nicolas [J.] Vereecken ; Übersetzung: Dorotee Calvillo, Gabriele Franc̮ois. 1. Aufl. München : Gräfe und Unzer Verlag GmbH / BLV. 2019. 191 S.
ISBN 978-3-8354-1926-1

Rezensionsexemplar für unsere Imker-Bibliothek.

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