*16* Adventskalender der Bamberger Schulbiene 2020

Was ist „Das Geheimnis deines Ortes“? Wer schon einmal umgezogen ist, kennt die unausgesprochene Frage. Wie gelingt es, rasch heimisch zu werden und sich verbunden zu fühlen an und mit dem neuen Ort?

Wie eine heilsame Verbindung sogar in Trabanten- oder Großstädten vollzogen werden kann, wie unser Dasein, unser Alltag – und ich möchte behaupten, sogar ganz besonders in dieser Zeit der pandemieeingeschränkten persönlichen Kontakte! – eine zutiefst zufrieden machende werden kann, erfährt man in diesem (wieder einmal mehr) wunderhübsch gestalteten Buch von Susanne Fischer-Rizzi.

Die Wege bzw. Kapitel zur Verwurzelung

Sie zeigt „10 Wege zur Verwurzelung“ auf und gibt mit ihnen eine gar nicht mal so esoterische, ja, eher schon praktische „Anleitung zum heimisch werden“. Beginnend mit der Reise im „Irgendwo und Nirgendwo“ taucht sie sogleich tief, sehr tief mit ihren Leser/innen in den „Bauch der Erde“ ein. Viel erfahren wir über das Entstehen der Erde, ihren Schichten und Verschiebungen, über Kontinentalplatten und den „Riss in der Drachenhaut“ (Sea-Floor-Spreading) u. v. m. Unnd wo es schon mal geologisch zugeht, können auch „Steine“ als „Botschafter der Vergangenheit“, so das nächste Kapitel, uns mit dem Heute verbinden.

Sodann werden die Elemente „Wasser“, „Pflanzen“ und „Winde“ beschrieben, die, einmal genauer und erlebter betrachtet, zur inneren Erfü(h)llung und zum Staunen verhelfen. Natürlich behandeln weitere Kapitel auch „Tiere“ und „Menschen“ auf „gemeinsamen Wegen“ oder durch „Geschichten im Vorübergehen“, alles sehr lesenswert und mit viel Hintergrundwissen uns nahe gebracht.

Leider hat die von mir wegen anderer Bücher (gekauft bereits in den 80ern die Folianten „Himmlische Düfte“, „Blätter von Bäumen“ und „Medizin der Erde“) sehr geschätzte Autorin nicht die Honigbienen mit in ihre allesamt sehr intimen Betrachtungen einbezogen. Allenfalls kommen ein paar Wildbienchen vor. Derweil täte sich hier ein ganz toller Weg auf, der unzählige Imker/innen hervorgebracht hatte, die aufgrund z. B. geistig-seelischer oder berufsbedingter Einsamkeit und Entwurzelung beinahe gescheitert wären, hätten sie den Kosmos der Bienen nicht für sich entdeckt. Trotzdem möchte ich das Buch gerne in unserem Adventskalender der Bamberger Schulbiene verorten, denn sie beschreibt sehr umfassend unsere Welt, in der schließlich auch unsere Bienen heimisch sind.

Lieblingsstelle – der Lieblingsplatz als „guter Ort“

„Wenn die Erde [uns] stärken“ soll – um es mit einem der Kapitel ganz allgemein zu beschreiben –, so müssen wir ihn für uns finden: den „guten Ort“. Jede/r von uns hat so seinen Lieblingsplatz, seinen regenerativen Kraftort, wo sie oder er „Landschaftsenergien“ spürt, so dass „Gesundheit und Heilung entstehen“ kann.

Ich erinnerte mich beim Lesen an eben genau so einen Ort, an den ich mich zuweilen zurückzog, wenn mir alles zuviel und ich mich zu einsam in einer unverstandenen Welt fühlte. (Was man im Teenageralter ohnehin ja per se ist … unverstanden.) Es war eine kleine, grasbewachsene, von Ziersträuchern umrahmte Anhöhe, darunter (wie ich später erst erfuhr) der Zugang zu einem Kasematten-Geflecht (unterirdische Wehrgänge der Kaiserburg). Das kleine Hügelchen lag inmitten des damals relativ unbekannten und wenig besuchten Burggartens. Genau passend für mich und ein Buch zum Schmökern. Niemand (dachte ich zumindest) sah mich, und ich fühlte mich geborgen und mutig. Denn „Rasen betreten“ war ja in den 70er immer streng verboten und bis zum Abwinken ausgeschildert.

Wie auch immer … zum Jahrtausendwechsel bzw. in den Nuller-Jahren kam ich wieder einmal daran vorbei. Tja, ich konnte in ihm nicht mehr den bedeutungsvollen Ort sehen, der er einmal für mich war. Irgendwie traurig, so winzig, so unspektakulär, so uninteressant … und doch erinnerte ich mich daran, dass die Kraft der Unterwelt – noch heute liebe ich Höhlen sehr! – mich  getragen hat und mir erstaunlicherweise Boden unter den Füßen gab. Vielleicht hätte sich jemand anderes darauf ganz im Gegenteil eher haltlos gefühlt? Kraftorte scheinen sich auf geheimnisvolle Weise „ihren“ Menschen auszusuchen, und sicher auch andersherum.

Geheimnisse und die „Karte der Verbundenheit“

Tatsächlich ist in einem späteren, zugleich letzten Kapitel, vom „Geheimnis des Ortes“ noch einmal die Rede, hier von der „Fülle des Lebens“, die uns Rosa Luxemburg mit einem Zitat aus ihrem „Brief aus dem Gefängnis“ so erklärt: „Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anders als das Leben selbst“.

Von „geheimnisvoll“ (in wohl jedem Kapitel taucht dieses Attribut auf) zum eher handfesten führt uns Fischer-Rizzi nicht nur mittels sorgsam recherchierten Detailwissens (Danke für über 100 Fußnoten und der weiterführenden Literaturliste zur eigenen Vertiefung!), sondern auch über den inspirierenden und kreativen Weg einer von uns Lesenden selbst anzufertigenden „Karte der Verbundenheit“.

Diese hübsche Idee habe ich zwar nicht ausprobiert, kann sie mir aber für später einmal sehr gut vorstellen. Wie sie sich aus mir heraus entwickeln werden wird, bleibt wohl noch ein Weilchen mein schlummerndes Geheimnis. Stattdessen nehme ich mir die Zeit für diese Rezension, und auch das ist ja bereits eine Auseinandersetzung mit den weisen Ratschlägen der Autorin.

Unsere Beziehung zur Natur, zur Landschaft, verrät viel über uns selbst, über unsere Vorlieben, Gewohnheiten, Befürchtungen und Prägungen. Ich weiß an dieser Stelle gar nicht einmal, ob ich die Autorin zitiere, oder ob das meine eigenen Notizen waren. Das Buch hatte ich Anfang September bei meinem einwöchigen Aufenthalt in einem Konvent mit dabei und mir jeden Abend vor dem Zubettgehen ein Kapitel genehmigt. Doch dieser Zettel fiel mir gerade in die Hände, also will ich mit dieser kleinen Entdeckung schließen und alle auffordern, sich selbst auf die Reise zu machen und die eigene, äußere wie innere Welt neu, anders, besser, bewusster, entschiedener, weitreichender, sorgfältiger, achtsamer, aufmerksamer, vergnüglicher, nachdenklicher, phantasivoller, … zu entdecken.

Tipp zum Schluss: Lesen Sie nicht alle Kapitel auf einmal durch. „Das Geheimnis deines Ortes“ wird ihnen, je nachdem, an welchem Punkt Sie physisch oder auch psychisch gerade stehen, auch bei mehrmaligen Lesen unterschiedliche Inspirationen, ganz sicher aber auch Halt geben. Es fordert auf, sich bewusst seiner Umgebung zu widmen, sich ihrer gezielt anzunehmen und ispiriert durch viele, viele Fragestellungen und kleine „Aufgaben“ dazu, das große Ganze zu entdecken und im Großen das Kleine nicht zu übersehen.

Tolles Geschenk für den Gabentisch und zu jedem anderen Zeitpunkt auch, vor allem aber nach einem Umzug!


Fischer-Rizzi, Susanne: Das Geheimnis deines Ortes : Anleitung zum heimisch werden. Stuttgart : Franckh-Kosmos Verl. 2020. 204 S. : Ill.
ISBN  978-3-440-50244-0

Rezensionsexemplar.