Bilderbuchtipp „Greta und die Großen“ – ein Klimawandelmärchen

Cover Greta und die Großen, arsEditionFür Eilige: Drei Sterne von fünf für „löbliche Absicht, Klimathema im Ansatz gut umgesetzt, grafisch sehr gelungen“.

Märchenhafte, ausdrucksstark gezeichnete Story um Greta Thunberg mit David-Goliath-Motiv und grobem Realitätsbezug. Allerdings auch mit einem unglaubwürdig simplen Ausgang, zu Ende gebracht mit einer erwartbaren kalten Dusche und dem ehrbaren Versuch, die Kleinen (Vorschulkinder?) zum Handeln zu animieren und den Großen zu Antworten auf Klimaprobleme zu verhelfen.

Greta und die Großen : inspiriert von Greta Thunbergs Geschichte / Zoë Tucker [Verf.], Zoe Persico [Ill.]. München : arsEdition. 2019. 32 S. ISBN 978-3-8458-3860-1, € 15.

Gretas Story als Märchen

Statt vor dem schwedischen Parlament sitzt bzw. steht die Greta dieses Bilderbuches im Wald, um ihr Protestschild zu zücken und damit letztendlich ein Wunder zu vollbringen. Angestiftet dazu haben sie hilfesuchende Tiere – JA, insektenstellvertretende Schmetterlinge sind auch mit darunter! – , denen der Lebensraum knapp wurde. Das sind sicherlich nicht die einzigen Unterschiede zu Thunbergs erlebter Wirklichkeit, die viel komplexer abläuft, als in meinem Rezensionsexemplar grob skizziert.

Doch im Großen und Ganzen verläuft die märchenhafte Story – Elemente wie Wald, kleines Mädchen mit Mäntelchen, hier in gelb statt in rot, und ja, genau, ein Wolf, der flüstert, legen eine Spur zu … na, Ihr wisst schon … – tatsächlich genau so erschreckend banal ab wie in der Realität. Gäbe es diese Parallele des nimmersatten „Immer mehr, nie genug, alles neu“ nicht, würde ich sagen: „Leute, die Geschichte ist viel zu dümmlich und einfältig, nicht einmal ein Kind nimmt sie euch ab!“

David-Goliath-Motiv

Nun gut, das Motiv „Klein besiegt Groß“, also „David gegen Goliath“ lieben Kinder. Daher könnte diese „unglaubwürdige“ Geschichte zumindest als Diskussionsgrundlage tauglich sein. Die Großen sind glatzköpfig-dumpfgesichtige Riesen, überwiegend der männlichen Spezies abstammend. Sie bauen an kleinen, dann großen, dann hochhausgroßen Wohn- und Fabrikburgen mit zum Himmel stinkenden und ihn verdunkelnden Schloten, die die vormals erdig-warmen Farben der grob- wie detailreich illustrierten Bilder verschlucken. Sie bauen stoisch Straßen für die sich stauenden Autos nebst Flugzeugen (wobei letztere zwar textlich erwähnt, zeichnerisch jedoch nicht umgesetzt sind) und bekommen erst dann, wenn sich alles zum Guten wendet, lebendig wirkende Gesichter.

Grober Realitätsbezug mit simplen (?) Lösungen

Tatsächlich hatte die wahre Greta Thunberg, die zu dieser (unautorisierten) Geschichte inspirierte, wie der Sachtitelzusatz erläutert, ebenfalls erst einsam dagesessen. Bis sich immer mehr und in immer weiter entfernteren Erdteilen gleichgesinnte junge, später auch ältere Mitstreiter/innen zu ihr gesellten und die Mitmach-Lawine namens „Fridays for Future“ auslösten.

Tatsächlich geht es in diesem Bilderbuch, wenngleich nur kurz angedeutet, wie auch in unserer Lebenswelt um weitere elementare Dinge, die wir sträflich misshandeln. Die da wären schöpferische Pausen und gemeinsam verbrachte Zeit, Lebensmittel selbst anbauen oder selbst bzw. gemeinsames Kochen oder um Ressourcenschonung, also Reparieren, Teilen und Weitergeben statt Verschwendung sowie um glücklich machende Hobbys. Die Lösungen (wie auch Probleme) klingen allesamt recht simpel, und das wären sie auch, wenn nicht, hm, wenn … ja, warum eigentlich (nicht)?!

„… und wenn Sie nicht gestorben sind …! Von einem guten Ende mit kalter Dusche als Nachgang

Wer sich – ob Kind oder vorlesende Erwachsene – nun ratlos am Kopf kratzt, erhält einen Stupser durch ein doppelseitiges Nachwort, die Hintergründe Greta Thunbergs betreffend, und das Eingestehen, dass das „glückliche Ende“, welches die Geschichte im Buch nahm – allerdings weiterhin mit Hochhäusern, wenngleich im oberen Stockwerk begrünt –  noch nicht erreicht ist. Und was die Kleinen tun können, um die Großen zu den notwendig anstehenden Veränderungen zu animieren. Da das Nachwort trotz aller versuchter Schlichtheit wohl nicht von der erwünschten (?) Zielgruppe des Bilderbuchalters selbst gelesen werden kann, ist die Sekundärzielgruppe dahinter, die Erwachsenen, eindeutig.

Sie sind es auch, an die sich die drei Literaturhinweise auf die Homepages fridaysforfuture.de, greenpeace.de und klima-streik.org richtet. Für die Kinder als primäre Zielgruppe des Bilderbuches aus dem Münchner arsEdition Verlag (vom englischen Original nach Deutschland übertragen) hätte ich mir ebenfalls entsprechende Webseitenempfehlungen gewünscht, denn es werden viele Fragen offen bleiben. Das sei hiermit nachgeholt:

Kommen wir zur Altersempfehlung. Wie wäre es mit „nachdenkliche, pfiffige Kleine“ und „schuldbewusst-schamvolle Große“?! Das Buch könnte, da sehr vereinfachend, ein Anfang sein, sollte jedoch von weiteren, differenzierteren Medien und Menschen begeitend fortgesetzt werden. Schön, dass 20 Cent des Erlöses an Greenpeace Deutschland gehen.

Fazit: Sternabzug für unklare alterspezifische Zielgruppenansprache und einem zwar sicherlich gewünscht gutem, jedoch unrealistisch-verlogenem Ende, in dem der Wald schöner wird als vorstellbar, mit anschließend eiskalter Dusche der Wahrheit im Abspann (was zum Erhalt der Sterne beiträgt, weil zwangsweise notwendig) sowie unangenehmer Geruchsbildung, wohl dem Recyclingpapier geschuldet.
Knappe drei von fünf Sternen für die löbliche Absicht und den gefundenen guten Ansatz sowie für eine ausdrucksstarke Grafik.

*17* Adventskalender der Bamberger Schulbiene

2017 erschienen sind zwei Kinderbücher, die sich natürlich auch 2019 noch als Weihnachtsgeschenke eignen.
[Unbeauftragte, unbezahlte Werbung]
Bienen, 32 Seiten von Britta Teckentrup (ars edition) und Schau, was machen die Bienen?, 28 Seiten von Katarzyna Bajerowicz (übersetzt von Sandra Margineanu  und in 2019 neu aufgelegt.)

SCover Teckentrup: Bienen, ars-edit. o sehr schlicht auch der Titel „Bienen“ erscheinen mag – ganz und gar nicht schlicht kommt das liebevoll getextete und gestaltete, fröhlich-bunte Bilderbuch für die ersten Grabsch-, Staun- und Buchstabieralter daher. Während uns – die sicherlich gleichermaßen von der Aufmachung beeindruckten Erwachsenen – schier die Augen von den lebhaften Darstellungen der zahlreichen Insekten und Blüten übergehen, hat der kindliche Blick und das Fingerchen natürlich sofort DIESE eine Biene entdeckt! SIE ist es, die von Seite zu Seite fliegt, immer innerhalb des Rahmens, den das wabenförmig-sechseckige Guckloch vorgibt, und uns mitnimmt in die Welt der „heilen“ Blumenwiesen. Ganz nebenbei erfährt man aber auch, was diese seitenlange Reise für die Pflanzen- und Bienenwelt so alles bedeutet.

Cover Bajerowicz: Schau, was machen die Bienen, Loewe-Verl.Mit dem Titel Schau, was machen die Bienen?“ ist die nächste Stufe erreicht. Hier erfährt Kind wie Erwachsene(r) schon etwas mehr und detaillierteres zu Wild- wie Honigbienen und anderen Insekten. Ein wenig wie bei Ali Mitgutsch, also ähnlich einem seiner tollen Wimmelbilderbücher, lassen sich so manche liebevollen, nicht ganz ernst zu nehmenden, aber doch versinnbildlichenden Kleinigkeiten innen wie außerhalb des Bienenstocks entdecken. Etwa, wenn sich eine junge Biene auf einem Kopfkissen ausruht oder emsig in einem Honigtopf gerührt wird. Nein, auch hier finde ich’s nicht wirklich kitschig, denn die Bienen selbst sind relativ naturgetreu gezeichnet. Pfiffig auch die Bastelanleitungen zu Bienen, einem Bienenstock und die Anleitung für einen Bienengarten am Ende des Buches.